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DIE ARBEITER DER FIRMA VON ROLL

Lebensführung und soziale Lage der Arbeiterschaft :
Die Lebensführung wurde in Gerlafingen weitgehend durch die Industrie bestimmt. 
In diesem Text stehen jedoch die inner- und ausserbetrieblichen Notwendigkeiten der Industriearbeit im Vordergrund, die das tägliche Leben der Arbeiterschaft beherrschen – und zwar sowohl im Dorf als auch in der Fabrik.
Die industrielle Sozialordnung Gerlafingens umfasst nämlich parallel zu den innerbetrieblichen Arbeitsbedingungen der männlichen Arbeiterschaft den nahezu gesamten ausserbetrieblichen Bereich, insbesondere die traditionellen Arbeitsgebiete der Frauen.

Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse der Männer :
Die langfristigen Prozesse der Modernisierung und Rationalisierung und des Arbeitsprozesses - sie betreffen ebenfalls das Werk Gerlafingen, führen nach sozialgeschichtlicher Auffassung langfristig zu einer Nivellierung der Industriearbeiterschaft. Es wäre jedoch übertrieben, nach dem Ersten Weltkrieg eine schnelle und umwälzende Wandlung der Produktionsweise im Werk Gerlafingen anzunehmen. Eine beträchtliche Kontinuität traditioneller Arbeitstechniken in den 20er und 30er Jahren gilt für die Stahl- und Walzwerke Lothringens, sowie für das Werk von Roll.

In den Expansionsphasen des Werks Gerlafingen im Ersten Weltkrieg und in den 30er Jahren werden zwar vermehrt mechanische Apparaturen, vor allem Krane, eingesetzt, welche die physische Arbeitsbelastung reduzieren. 
Harte körperliche Arbeit unter den Bedingungen von Hitze, Rauch, Staub , Gas und Lärm bildet in den Walzwerken jedoch weiterhin die Regel. Ferner wird die traditionelle Lohnhierarchie erst gegen Ende der 30er Jahre langsam abgelöst durch die Einführung der Fliessbandproduktion, durch Zeitmessung und neue Akkordkalkulationsmethoden.
Bis dahin herrscht das Akkordsystem des alten Typs, in dem sich Meister und Arbeiter über die Vergabe der Arbeit und die Festlegung des Akkordsatzes verständigen müssen.
Oft genug bestimmt der Meister die Vereinbarung willkürlich, Spannungen sind im alten Akkordsystem stets unvermeidlich. Der Nivellierung steht überdies entgegen, dass der Arbeitsprozess in der Stahlindustrie der Zwischenkriegszeit stark gestaffelt ist.

Das Werk Gerlafingen bestand damals - vereinfacht gesagt - aus vier Einheiten: Stahlwerk, Walzwerke, Schmiedebetriebe und Fabrikationswerkstätten.
In allen Betrieben wird grundsätzlich zwischen Berufsarbeitern und Hilfsarbeitern unterschieden. Die zwei Gattungen sind zahlenmässig, über alle Betriebe gerechnet, etwa gleich gross, Hilfsarbeit dominiert jedoch in den Schmiede- und Walzwerken. Sowohl Berufs- als auch Hilfsarbeiter werden im Stundenlohn entlohnt. Doch verdienen Berufsarbeiter (Gelernte und Angelernte) vorwiegend im Akkord und damit um rund 25 Prozent besser als die meist an fixe Stundenlöhne gebundenen Hilfsarbeiter (Ungelernte). Wenn man berücksichtigt, dass jeder der vier Werkbereiche diese zwei Arbeiterkategorien unterscheidet und je seinen eigenen Berufsstolz pflegt, ergäbe dies allein schon mannigfaltige Differenzierungen innerhalb der Arbeiterschaft.

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Die Kontinuität der traditionellen Arbeitstechnik und der Akkordkalkulation erhält im Innern der einzelnen Betriebe aber noch feinere soziale Differenzierungen der Qualifikation und der Stellung am Arbeitsplatz aufrecht.

Berufslehre und Parteizugehörigkeit :
Die Qualifikations- und Lohnunterschiede zwischen gelernten Berufen (zum Beispiel Dreher, Schmiede, Schlosser, Maurer, Schreiner, Elektriker), angelernten Berufen (wie Schmelzer, Walzer, Gesenkschmied, Presser, Fräser, Säger, Bohrer etc.) und ungelernten Hilfsarbeitern sind nur das sichtbarste Anzeichen der Abstufungen innerhalb der Arbeiterschaft. Auch innerhalb dieser Kategorien existieren soziale Hierarchien. Die gelernten Arbeiter bilden innerhalb des Werkes eine zahlenmässig dünne Schicht.
Die Aristokraten unter ihnen sind die in den Fabrikationswerkstätten tätigen Berufsleute. Sie geniessen neben besseren Löhnen und höherem Prestige zugleich den Vorzug einer körperlich weniger anstrengenden Arbeit an einem ruhigeren, sauberen und klimatisch angenehmen Arbeitsplatz.
Und sie sind in der Regel im Tagesbetrieb tätig, während die Arbeitsequipen von Stahlwerk und Walzwerken ihre strapaziöse Arbeit unter Gluthitze, Staub, Lärm und Unfallgefahr im Schichtbetrieb zu verrichten hatten.

Diese betriebssoziologischen Differenzierungen trennen Welten, im Dorf so gut wie in der Fabrik. Untersucht man etwa die Berufe der 34 SP Gemeindekandidaten der Zwischenkriegszeit, findet man darunter 23 Von-Roll-Arbeiter. 9 von ihnen, in der Mehrzahl die Führerpersönlichkeiten der Gerlafinger Sozialdemokratie, stammen aus den Heissbetrieben. Unter den 14 Eisenwerkern, welche für die FdP (9) und die VP (5) kandidierten, befindet sich dagegen nur 1 Heissarbeiter und zwar ein Schmied.
Die Heissarbeiter sind offensichtlich eher Sozialisten. Hingegen identifizieren sich die Gerlafinger Arbeiteraristokraten eher mit den bürgerlichen Parteien: 9 der 14 bürgerlichen Kandidaten sind Dreher, Schlosser, Mechaniker oder Elektriker. Diese Berufe üben nur 5 der 23 sozialdemokratischen Kandidaten aus. Politische Gegensätze drücken sich ebenfalls in Differenzen der beruflichen Selbstbezeichnung aus. Diejenigen, die über keinen angestammten Berufstitel verfügen, sich aber als Stammarbeiter zu erkennen geben wollen, nennen sich Eisenwerker oder – je nach politischer Sympathie – Eisenwerkarbeiter. Beide Begriffe bezeichnen zwar das gleiche, doch nennen sich die Kandidaten der FdP sowie der CVP mit peinlicher Regelmässigkeit Eisenwerkler, diejenigen der SP indes strikte Eisenwerkarbeiter.

Beruf und soziales Umfeld bei der Arbeit :
Die interne Differenzierung der Arbeiterschaft erschöpft sich nicht in diesen Beispielen. Das soziale Umfeld bei der täglichen Arbeit ist je nach Werkbetrieb und Beruf vollkommen verschieden. Im Vergleich zu den Hallen der Schmiede-, Walz und Stahlwerkbetriebe wirken die aufgeräumten Werkstätten der Fabrikationsbetriebe wie wohnliche Stuben.

In den Fabrikationswerkstätten überwiegt das individuelle Verhältnis zwischen Mensch und Arbeitsgegenstand beziehungsweise Maschine.
Die Arbeitsschritte mögen stark aufgeteilt, repetitiv und eintönig sein, doch das Individuum bleibt in der Werkstätte selbständig und relativ eigenverantwortlich.

Im Gegensatz dazu bewältigt in den grossen Hallen der Heissbetriebe eine Equipe rund um einen Meister die Arbeit gemeinsam. Damit dominieren im täglichen Arbeitserleben der Mehrzahl aller Arbeiter hierarchische Abstufungen, die weniger von der Arbeitsteilung und entsprechenden Qualifikationsgraden her gegeben sind als durch den Rang innerhalb der Arbeitsequipe. Ähnlich wie in Armeen tut hier in erster Linie Disziplin not. Vergleiche von Werkrealität und Militärdienst werden von der Führung denn auch wiederholt angestellt.

 

Quelle :
André Kienzle, "Es gibt nur ein Gerlafingen"  -  Herrschaft, Kultur und soziale Integration in einer Standortgemeinde des Stahlkonzerns Von Roll, 1918-1939  (Chronos Verlag, Zürich 1996)